
Landkarte / Philippinen-Projekte
Philippinen
FAQ
Abiturarbeit von Nora Thule
Das Erschießen von Kindern
Living in the Philippines
Negros and its people
Kindersoldaten in den Philippinen
"our child was no NPA"
Ulrich Rotthoff
Übersetzung: Judith Schipper
"Willkommen auf dem Schlachtfeld", begrüßte uns der Mann mit einem gewinnenden Lächeln, als wir den Raum betraten. Es war nicht ganz klar, ob er das sarkastisch oder ironisch meinte, denn es war viel geschehen, seitdem wir vor einem Jahr in diesen Teil Mindanaos gekommen waren.
"Geschehen" scheint in der Tat der richtige Begriff zu sein, denn die Dinge haben sich nicht geändert, nicht wirklich. Nicht in Mindanao. Immer wieder brechen hier Konflikte aus, neue oder alte, die dann in Krieg eskalieren. Heute werden die Menschen von den Rebellen vertrieben und umgebracht, morgen vom Militär und in der letzten Zeit immer häufiger von gewöhnlichen Kriminellen und Kriegsherren, die das aus diesen Konflikten resultierende Machtvakuum ausnutzen. Die philippinische Regierung ist sich stets bewußt, wer die Fäden zieht. Sie versucht, es sich nicht mit den wahren Machtzentren zu verderben. Sie ist geübt in dieser Taktik. Es ist eine Kolonialtaktik, und sie bedient gleichzeitig Feudalstrukturen. Jetzt ist gerade Wahlkampfzeit. Wieder werden die Bauern mit Ihren Familien vertrieben und wieder fernab ihrer Felder eingepfercht - strategische Hamlets oder Wehrdörfer nennt man diese Flüchtlingslager. Das Leben wird härter, viel härter. War es nicht doch ein eher sarkastischer Unterton, der in der Begrüßung anklang?
Auf seiner Homepage warnt das Auswärtige Amt vor Reisen nach Mindanao. Das Gebiet westlich einer gedachten Linie von Cagayan de Oro bis nach Davao City wird als besonders gefährlich eingestuft. Sollten Reisen dennoch unvermeidbar sein, so empfiehlt das Auswärtige Amt, nur Städte zu besuchen, die über einen Flugplatz verfügen; außerdem solle man sich dort nicht länger als 24 Stunden aufhalten. Nun gut, wir missachteten den Rat des Auswärtigen Amtes und reisten über Land, wobei wir natürlich nicht auf Schwierigkeiten aus waren. Jedes Detail unserer Reise wurde sorgfältig geplant und nicht ein einziger Schritt wurde ohne die Zustimmung von Freunden unternommen, welche die Orte, die wir besuchten, sehr genau kannten.
Als wir unterwegs zu Mittag aßen, konnte jeder in der Runde die in der Luft liegende Unsicherheit spüren, die Ängste und Sorgen, die sie erzeugte. In dieser Gegend können sich Gruppen, die heute noch verbündet sind, morgen schon gegenseitig umbringen. Das Explosionsgeräusch einer Bombe ist nichts Ungewöhnliches. Landräuber kommen als ‚Lost Commands' daher, lösegeldfordernde Entführer werden als politische oder religiöse Aktivisten wahrgenommen. Es ist nicht immer einfach, zu wissen, ob man es mit einem Soldaten oder einem Kriminellen zu tun hat - ihre Positionen sind in der Tat oft austauschbar.
Hier sind wir also, Fremde, in einer höchst brisanten Umgebung; Fremde, die kommen und gehen können. Unser Freund hingegen, der Mann, der uns begrüßt hat, bleibt hier. Er erklärt, es sei seine Aufgabe, für Frieden und Menschenrechte zu arbeiten. Sie hören auf ihn. Wer sind sie? Das sind: das Militär, christliche und muslimische Geistliche, Politiker. Aber Vorsicht, er darf nicht zu viel Druck machen - oder sollte er vielleicht besser gar keinen Druck machen? Natürlich hat er den Überblick. Er weiß, was sich in seiner Umgebung ereignet. Er kennt die Akteure, er spricht mit ihnen. Er weiß von der Ermordung der beiden kleinen sechs und zehn Jahre alten Jungen. Er bleibt untätig - auch in diesem Fall. Könnte es sonst sein Leben gefährden oder sein Ziel? Woran hängt er mehr? Das wird wirklich nicht klar. Maßstäbe werden verrückt im Verlaufe eines Mittagessens. Wähnt sich unser Gastgeber in einer ähnlichen Falle wie Schindler? Mit welchen Mitteln kann er unter diesen Umständen für Frieden eintreten? Wie kann er zur Beilegung der Konflikte beitragen, ohne es sich mit den streitenden Parteien zu verscherzen oder Herrschaftsverhältnisse für die Eskalationen verantwortlich zu machen? Könnte er womöglich sogar, ohne es zu wollen, die repressiven Strukturen unterstützen? Welch ein Dilemma, das ihn gefangen hält; eine Zwickmühle, in die wir uns nicht wünschen!
Ein Jahr zuvor waren wir bereits an jenem Kriegsschauplatz. Es war kurz vor dem 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte. Die Bauern kannten dieses Datum gut, sind sie sich doch ihrer Rechte wohl bewußt. So arm sie auch leben, sie sind doch sehr gastfreundlich und großzügig; Kaffee servierten sie uns, Limonade auch und Knabbergebäck. Wir saßen mit Hamid, einem respektierten Mann in seinem Dorf, in einer Laube. Schon bald gesellten sich weitere Dörfler zu uns in den Schatten und unser Kreis wuchs. Einige von ihnen zeigten wie beiläufig auf eine nahegelegene Baumgruppe. Ruhig und gelassen berichteten sie, ganz ohne sichtbaren Kummer oder Schmerz, daß dort der Ort sei, an dem vor einigen Monaten das halbwüchsige Mädchen von einem Soldaten erschossen wurde. Das Mädchen habe Wäsche gewaschen. Nein, von einem Streifschuß sei sie nicht getroffen worden. Nicht einmal Kämpfe fanden zu jenem Zeitpunkt statt. Kein "Kollateralschaden" also. Der Kerl habe angelegt und das unschuldige Kind erschossen - einfach so ...
Wir bestiegen einen Jeep und fuhren entlang schmaler Wege aufs Land, vorbei an Feldern mit Reis, Rohrzucker und Ananas. Durch dörfliche Nachbarschaften, festlich geschmückt mit Weihnachtsdekoration, kamen wir und durch andere ganz ohne weihnachtlichen Glanz. Letztere waren muslimische Gemeinden. Wenige Tage zuvor wurde hier das Ende des Ramadan-Monats gefeiert. Christen und Moslems leben in nächster Nähe. Als Nachbarn kennen sie sich gut, ihre Kinder gehen zur selben Schule. Sie haben dieselben Probleme. Überleben ist eines, Gewalt ein anderes. Die Banner einer zum Frieden auffordernden ökumenischen Initiative waren überall zu sehen.
Nach einer Weile näherte sich unser Jeep einem Kokosnuss-Hain. Bald schon machten wir Häuser aus und Menschen. Zur Mittagszeit ziehen sich die Dörfler aus der sengenden Sonnenhitze in den Reisfeldern zurück und gehen ihren Arbeiten im Schatten der Bäume nach. Als unser Jeep heranrollte, erschreckte sich ein mitten auf dem Weg schlafender Hund und fing zu bellen an. Er trollte sich, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, in Richtung zweier alter Männer, die am Boden hockten. Sie nahmen eine Haltung ein, die charakteristisch ist für das Leben auf dem Land. Ich sah, wie diese Männer dort hockten und sprachen. Es hat etwas von einem künstlerischen Balanceakt! Beide Füße stehen flach auf dem Boden, der Po ist leicht angehoben, nur wenige Zentimeter über dem Boden. Wie viele Menschen auf dem Land hatten auch diese alten Männer auffällig große, ausgeprägte Zehen. Sie zeugen von jahrelanger harter Arbeit in den Reisfeldern oder auf Kokosnuss-Plantagen. Der eine von ihnen schärfte gerade eine Machete, indem er sie gegen einen nassen Stein rieb und gelegentlich innehielt, um mit dem Daumen über den Klingenrand zu streichen. Der andere sprach unentwegt. Ab und zu zog der Mann mit der Machete die Augenbrauen hoch als Bestätigung, daß er auch zuhörte. Plötzlich hob sein Gesprächspartner einen Stein auf und warf ihn nach dem Hund, der schreckhaft aufjaulte. Armer Hund, heute war offensichtlich nicht sein Tag!
Ganz in der Nähe, dort wo das Wäldchen aufhört und die Reisfelder beginnen, sahen wir Kinder. Sie spielten mit Drachen, die sie sich aus Plastiktüten und den Stielen von Kokosnussblättern gebastelt hatten. Eine Gruppe von Frauen wusch an einer Wasserpumpe Wäsche. Es war bald Essenszeit, und so konnten wir den aromatischen Geruch von frisch gekochtem Reis, Knoblauch und getrocknetem Fisch wahrnehmen. Das Frittieren des Fisches in dampfendem heißen Öl verursacht ein für das Kochen auf den Philippinen typisches Knistern. Die einladenden Geräusche und Düfte lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen, zumindest denjenigen, die damit vertraut sind.
Hamid und unsere anderen Begleiter führten uns einige hundert Meter weiter in das Wäldchen hinein. Am Wegrand stand ein Mann in den 40igern. Er war in Arbeitskleidung - T-Shirt, knielange Shorts und Gummischuhe. Auch er hatte eine Machete bei sich. Sie steckte in einer Scheide aus Holz, die mit einem Seil um seine Taille gebunden war. Allein schon das Herausziehen dieses Geräts erfordert eine gewisse Erfahrung, weil die an der stumpfen Seite eine gerade Linie formende Klinge an der Stelle schlank wird, an der sie in den Griff übergeht, dann nach etwa der Hälfte ihrer Länge eine bauchige Kurve macht und in einer scharfen Spitze endet. Der unerfahrene Benutzer würde wahrscheinlich beim Herausziehen mit seiner Hand die Scheide umschließen, ohne zu merken, daß sie einen offene Spalt hat, der dem bauchigen Teil der Klinge ein Herausschnellen ermöglicht. Diese Macheten sind sehr nützliche Geräte sowohl für die Küche als auch für den Bauernhof und den Wald. Mit ihnen lassen sich Fleisch und Gemüse schneiden, Koskosnüsse öffnen oder Stufen in den Stamm von Koskosnussbäumen schlagen. Auch Brennholz läßt sich mit ihnen hacken. Die Männer dieser Gegend sind bekannt dafür, ohne zu Zögern ihre Macheten zum Zweck der Selbstverteidigung oder der Verteidigung ihrer Familienmitglieder zu zücken.
Dieser arme Mann hatte einfach nicht die Gelegenheit, seine Machete zu ziehen, als seine beiden Söhne, sechs und zehn Jahre alt, umgebracht wurden. Wir nickten ihm zu, und er erwidert unseren Gruß. Wir wußten nicht, wer er war, aber er spürte, weswegen wir kamen. Er blieb, wo er war und gesellte sich nicht zu unserer Gruppe, die von Hamid direkt zu einem der älteren Dorfbewohner geführt wurde.
Wir erfuhren, daß die Ermordung dieser kleinen Jungen der Polizei gemeldet wurde; und, ja, auch eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt. Der Fall wurde dem zuständigen Staatsanwalt gemeldet Die Polizei kam an den Tatort und auch das Militär. Patronenhülsen wurden aufgelesen. Beweise wurden gesichert; jetzt sind sie verschwunden. Die Polizei, der zuständige Staatsanwalt - keiner von ihnen verfolgte den Fall weiter. Aber so ist es halt in Mindanao!
Die Geschichte, so sagt man uns, soll sich folgendermaßen zugetragen haben: Eines Nachts schlichen sich jene Leute in den Hain. Nachbarn waren sie, Christen, Mitglieder paramilitärischer Gruppen. Sie trugen Waffen. Schnellfeuergewehre amerikanischer Produktion der Sorte M14 und M16. Wie sehr doch der philippinische Staat es liebt, diese Schlägertypen bis zu den Zähnen zu bewaffnen! Für die dreckige Arbeit sind sie da, die erledigten diese Gruppen unter Marcos schon und die erledigen sie noch heute. Unter dem auf Pfählen stehenden Haus positionierten sie sich. Die Fußböden und Wände dieser Häuser sind nur aus dünnem Holz. Standen diese Männer unter Alkoholeinfluss? War es der Streit um ein Huhn? War es eine Revanche für die Anschläge am 11. September? Eine Erklärung so makaber wie die andere; und dennoch: eine Erklärung so plausibel wie die andere.
Wie jeden Abend breitete die Mutter die Matte auf dem Holzboden aus, auf die sich die Kinder zur Ruhe legten. Das Haus ist klein. Als Wohn-, Eß- und Schlafzimmer dient nur ein einziger Raum. Die Jungen legten sich wie immer zum Schlafen auf den Boden. Waren sie sich der lauernden Gefahr bewußt? Was hörten sie noch, bevor sie einschliefen? Hörten sie die sich nähernden Männer, die von Zeugen gesehen wurden. Jawohl, es gab Zeugen, es waren die Viehwächter, die aufpassen, daß das Vieh nicht von den Höfen gestohlen wird. Aber was konnten diese nur mit Macheten bewaffneten Zeugen gegen diese Männer schon ausrichten? Nichts. Diese Typen sind Mitglieder der CAFGU und einer anderen paramilitärischen Struktur namens ‚Zivile Freiwilligen Organisation' - beide sind berühmt-berüchtigte Soldatesken, die sich, so gibt der Staat vor, gegen Aufständische richten.
Die Hölle brach los in jener Nacht. In der Schießerei wurden Holzteile des Hauses auseinandergerissen und Kugeln drangen durch das Metalldach. Der Lärm der Schüsse war fürchterlich. Die Männer wußten, was sie taten. Sie waren gekommen, um zu morden, und dies taten sie. Sie leerten ihre Magazine, luden nach und leerten sie wieder. Sie durchsiebten das Haus mit Kugeln. Das Blut der beiden kleinen Jungen ergoss sich über die Schlafmatte und tropfte durch den Boden in den Dreck unter dem Haus. Es war tiefste Nacht und die Menschen im Haus hatten mit solch einem Gewehrfeuer nicht gerechnet. Die Überlebenden wurden aus dem Schlaf gerissen. In völliger Benommenheit mußten Sie herauszufinden versucht haben, was da vor sich ging. Es schaudert einem bei dem Gedanken, wie sich die Familie gefühlt haben muß, nachdem die Täter den Tatort verlassen hatten. Haben sie hysterisch geschrien oder haben sie unter Schock still vor sich hin gezittert?
Der noch immer vom Kummer gezeichnete Vater führte uns zum Grab seiner Söhne. Sie waren nahe des Hauses im Wäldchen beerdigt worden. Dort sahen wir, daß die Familie, einem hiesigen Brauch folgend, die Kleidung der Kinder auf das Grab gelegt hatte. Ein Holzstab war durch die Kleidung und in den Boden gestoßen worden, um zu verhindern, daß der Wind oder ein tropischer Regenguß die Kleidungsstücke wegträgt. Der Vater zog den Stock aus dem Boden und breitete die T-Shirts seiner Söhne auf dem Grab aus. Es war, als wollte er sagen, daß dies alles sei, was von seinen beiden Kindern übrig geblieben ist, Kleidungsfetzen und Erinnerungen.
Niemand kann das Rad der Zeit zurückdrehen, nichts kann diese Jungen wieder lebendig machen. Aber es ist schon eine sehr, sehr traurig, daß die philippinischen Behörden nicht einmal in der Lage sind, wenigstens ordnungsgemäße Ermittlungen einzuleiten.