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Viele Fragen beantwortet auch die Abiturarbeit von Frau Nora Thule, die wir mit ihrer Erlaubnis auf der nächsten Seite veröffentlicht haben.

Was kann man allgemeines über die Situation der Kinder sagen?
Kinder zu haben, wird von der philippinischen Familie grundsätzlich als ein Reichtum, als ein Segen angesehen, so daß die Gesellschaft sehr kinderlieb ist. Oft werden die Kinder überaus verwöhnt. Aller Stolz der Eltern fließt in die Kinder. Die Eltern legen sich oft krumm, um die beste Erziehung zu ermöglichen. Kinder zu haben, ist ein Mittel der Selbstreproduktion, der Selbstverwirklichung über den eigenen Tod hinaus: "Wir leben in und durch unsere Kinder weiter".
Wie viele Kinder hat eine Familie im Durchschnitt?
5 bis 6 Kinder
Wie ist die traditionelle Rolle der Kinder (Kinder als Altersvorsorge)?
Kinder respektieren ihre Eltern und erbieten ihnen Ehre nicht etwa aus einer materialistisch faßbaren Dankesschuld für (Geld-) Ausgaben z.B. für Schulbildung, sondern es ist eine Dankesschuld ("utang ng loob" oder innere, nicht-materialistische und damit nicht abtragbare Dankesschuld) gegenüber den Eltern und hier besonders der Mutter. Man steht mit seiner Geburt in der Schuld. Hier schimmern unter der dünnen Machodecke starke matriarchalische Strukturen durch. Der, die Ältere genießt automatisch Respekt, was schon durch die Begrüßungsformel zum Ausdruck kommt - Jüngere, auch schon erwachsene Kinder führen den Handrücken der zu begrüßenden, älteren, zu respektierenden Person an ihre Stirn.

Wie steht es mit der (Schul-) Ausbildung der Kinder?
Das Schulsystem ist nach amerikanischem Vorbild stark ausgebildet und ein ganz wichtiger, stabilisierender Faktor im ganzen Land, weil es ein Ordnungsprinzip darstellt. Die Kinder tragen eine Schuluniform, so dass Ungleichheiten in der Kleidung (Markenartikel!) vermieden werden; sie identifizieren sich mit ihrer Schule. Dadurch wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt, eine Konstante in Form von Regelmäßigkeit entsteht im Leben der Kinder, gerade in ärmlichen Gebieten, wo Erziehung ja oft vom Überlebenskampf, vom Chaos, von Unregelmäßigkeit beherrscht wird. Eine solche Regelmäßigkeit ist beim Aufwachsen von Kindern sehr wichtig. Sie schafft Vertrauen, Verlässlichkeit. Negativ ist anzumerken, daß viele Kinder nach ihrer - akademischen - Ausbildung oft das Land verlassen, um als Spezialisten im Ausland zu arbeiten, vorzugsweise in den USA. Sie verdienen dort mehr und können sich einen höheren Lebensstandard leisten, was wiederum zu einer stärkeren Amerikanisierung (Verlust der eigenen kulturellen Identität) führt. Das führt auch zur Ausbildung oligarchischer Gesellschaftsformen: Die Reichen schauen auf die Armen herab, anstatt sich mit ihnen zu solidarisieren.
Wie viele Kinder, schätzen Sie, arbeiten dort?
Kinderarbeit ist stark ausgeprägt, auch und gerade auf dem Land, im Haushalt.
Warum gibt es dort überhaupt Kinderarbeit?
Wegen der Armut, da müssen alle Familienmitglieder mithelfen.
Was ist die extremste Form der Kinderarbeit, gibt es Kinderprostitution?
Es gibt organisierte Kinderprostitution auf der Straße oder in Luxushotels (Sextourismus).
Gibt es (evtl. traditionell bedingte) Unterschiede zwischen Mann und Frau?
Philippinisches Sprichwort: Die Frau ist der Hals des Mannes! Der Mann übernimmt die Macho-Rolle in der Gesellschaft, und die Frau führt die Kasse - ist diejenige, die zumindest in der Familie das Sagen hat.
Wie kann man den Kindern helfen?
Indem man Vorschulen einrichtet, Bildungsmaßnahmen im Sinne von Emanzipation durchführt und gegen die Haltung der katholischen Kirche protestiert, die bei Empfängnisverhütung Exkommunizierung androht.

Was für einen Eindruck bekommt man als Tourist von den Kindern im Land? Sind sie eher fröhlich, bedrückt, gehen sie auf der Straße betteln, sieht man Straßen- und Müllsammler Kinder häufig?
Die Kinder sind sehr neugierig, Kleinkinder fangen manchmal zu weinen an, weil die europäischen Gesichter mit den langen Nasen so fremd und bedrohlich wirken. Sie sind durchweg fröhlich und spielen immer. Natürlich bekommt man zu den Kindern am leichtesten Kontakt, sie umringen einen und folgen einem auf Schritt und Tritt. Ihre Armut sieht man ihnen oft nicht an, da alle Filipinos großen Wert auf saubere und adrette Kleidung legen. Etwa ein Drittel des Einkommens wird für Kleidung ausgegeben. Lieber wird am Essen gespart. Vor allem in den Großstädten sieht man auch häufig Kinder, die betteln und dabei auch lästig werden können. Sie werden teilweise von kriminellen Organisationen zum Betteln angehalten und müssen alles Geld abgeben. Abends und nachts sieht man, wie sie auf einem Pappkarton mit ihren Eltern auf dem Bürgersteig oder in einer Hofeinfahrt schlafen. Viele Kinder versuchen durch Putzen der Autoscheiben an den roten Ampeln etwas zu verdienen.
Was tut der Staat gegen die Probleme wie Strassenkinder oder Kinderprostitution tut? Sind Hilfen, falls gegeben, effektiv?
In großen Städten (z.B. vor 2 Jahren in Davao / Mindanao) werden die Straßen von Zeit zu Zeit (vor allem vor internationalen Kongressen, Veranstaltungen mit ausländischen Teilnehmern) von der Polizei "gesäubert", d.h. alle Straßenkinder werden erst einmal ins Gefängnis gesteckt. Dort kommen sie mit Erwachsenen in eine Zelle, die kriminell sind und sich häufig an den Kindern vergehen. Es kommt oft vor, dass Mütter ihre Kinder in die Gefängnisse mitnehmen müssen, da sie keine andere Möglichkeit haben, ihre Kinder durchzubringen. Durch die in den Gefängnissen herrschende Gewalt mit sexuellen Übergriffen - auch und gerade den Frauen gegenüber - werden diese Kinder psychisch traumatisiert. Von staatlicher Seite aus gibt es Hilfsprogramme, die aber wegen der Armut nicht effektiv sind.
Sind Mädchen traditionell benachteiligt? (wie in vielen asiatischen Ländern die Abtreibungsrate bei Mädchen höher ist, sie schlechter medizinisch versorgt und ernährt werden, Mitgiftbelatsung für die Eltern sind?) Obwohl es ja ein katholisch geprägtes Land ist?
Mädchen sind nicht schlechter gestellt. Ein Mitgiftproblem wie in Indien gibt es nicht. Natürlich freut sich der philippinische Vater besonders, wenn ein "Stammhalter" geboren wird. Die Frauen (und damit auch die Mädchen) haben eine sehr starke Stellung in der philippinischen Gesellschaft - womenpower!
Ist die Schulbildung von Mädchen schlechter?
Nein.
Präsidentin Arroyo hat den Bau von 450 neuen Grundschulen versprochen. Ist an solchen Versprechen etwas dran, gibt es in der philippinischen Politik Fortschritte in Sachen Bildung?
Ein Beispiel: Die Stiftung unterstützt eine Vorschule in einem kleinen ländlichen Dorf in der Provinz Maguindanao in Mindanao. In dem gleichen Dorf wurde im letzten Sommer eine staatliche Schule eröffnet, d.h. ein Gebäude eingerichtet und LehrerInnen angestellt. Bisher gab es dort keine staatliche Schule. Der Haken ist nur, daß die LehrerInnnen, die sich beworben und auch angestellt worden sind, so weit entfernt wohnen, daß sie täglich drei Stunden hin und drei Stunden zurück fahren müssten. Kein Lehrer wird also kommen können, gleichwohl kassiert er das im übrigen sehr magere Gehalt. LehrerInnen verdienen sehr schlecht. Mit anderen Worten: Die Schule steht nur auf dem Papier. Niemand kümmert sich um diese misslungene Umsetzung. Das hängt mit der schon erwähnten oligarchischen Gesellschaftsstruktur zusammen, die bewirkt, dass sich auch die Politiker nicht um die Folgen der von ihnen erlassenen Anordnungen an der Basis kümmern.

Kennen Sie Einzelschicksale von Kindern auf den Philippinen, die Sie vorstellen können?
"Joel" und "Diana", ein siebenjähriger Junge und ein neunjähriges Mädchen, haben das gleiche Schicksal: Sie wurden mit einer sogenannten Lippen-, Kiefer-, Gaumen-, oder Segel-Spalte geboren und sind daher seit ihrer Geburt entstellt. Sie können nicht richtig essen. Sie leben in dem Nachbardorf, von dem oben die Rede war. Sie müßten operiert werden, doch dafür fehlt das Geld; außerdem gibt es in dem Dorf keinen Arzt, der das machen könnte. Die nächste Krankenstation ist 23 Kilometer entfernt und nur auf einem ehemaligen Holzabfuhrweg zu erreichen, der bei Regen unpassierbar ist und ansonsten nur mit besonders ausgerüsteten geländegängigen Motorrädern bewältigt werden kann.

Zu diesem Zweck wickeln die Motorradfahrer Fahrradketten um die Räder, damit diese besser im Matsch greifen können. Wir würden schlicht Schneeketten sagen. Wird jemand ernstlich krank, so dass er nicht mehr auf dem Motorrad sitzen kann, sondern liegen muß, muß er diese Strecke getragen werden. Aber auch in dieser Krankenstation kann eine solche Kieferoperation nicht durchgeführt werden. Sie dient nur für Entbindungen. Es gibt dort nur einen Arzt, der auch nur gelegentlich da ist. (Ein ähnliches Problem wie bei dem oben erwähnten neuen Schulbau; es mangelt an der Umsetzung; es ist alles Stückwerk). Die nächst größere Krankenstation befindet sich weitere 25 bzw. 40 Kilometer entfernt. Wie können Joel und Diana dorthin kommen? Die Stiftung versucht gerade, diese Frage zu beantworten und Mittel und Wege für eine Operation herauszufinden ...