
Der Kinderbereich im Kölner Bürgerzentrum Alte Feuerwache e.V.
Von Birgit Breuer, Köln


In der nördlichen Innenstadt Kölns liegt die Alte Feuerwache, ein soziokulturelles Bürger- und Kommunikationszentrum. Die über 100-jährigen Gebäude gruppieren sich um einen großen Innenhof, der mit Platanen bepflanzt ist. Inmitten dieses dichtbebauten Stadtteils ist hier Platz für Spiel, Aktionen, Kommunikation und Erholung.
Ehemals Hauptfeuerwache der Stadt Köln, zu klein geworden und vom Abriß bedroht, erzwang eine Bürgerinitiative den Erhalt der Gebäude und ihre Nutzung als Stadtteil- und Begegnungszentrum. Seit 1978 wird die Alte Feuerwache in Selbstverwaltung durch den Verein Bürgerzentrum Alte Feuerwache e.V. genutzt. Die Arbeit soll dazu beitragen, gesellschaftlich verursachte soziale und kulturelle Benachteiligungen auszugleichen. Das Zentrum entwickelte sich zu einem wesentlichen Treffpunkt und Ort der Begegnung im Stadtteil.
Die Alte Feuerwache liegt in einem Stadtteil, in dem höchst unterschiedliche soziale Gruppen und Kulturen, Lebensstile und Generationen aufeinandertreffen, in dem Altes und Neues, Vertrautes und Ungewohntes, Arm und Reich oft Mauer an Mauer dicht beieinander liegen. Diese Vielfalt wird auch in das Zentrum hineingetragen und spiegelt sich im Leben, der Nutzung und den Angeboten der Alten Feuerwache.
Es bestehen pädagogische Angebote für Kinder, Mädchen, Jugendliche, kulturelle und politische Veranstaltungen, soziale Beratungen, handwerkliche und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten und Ausstellungen. Hier finden einzelne und Gruppen, junge und alte Menschen, Menschen vieler Kulturen Raum zur Begegnung und kreativen Betätigung. Es werden politische Diskussionen veranstaltet und neue politische, soziale und kulturelle Konzepte mit folgenden Schwerpunkten erarbeitet:
Kernstück des Kinderbereichs ist der Offene Kindertreff für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Offen bedeutet, daß die Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und Stellung, den Treff während der Öffnungszeiten besuchen können, ohne sich auf einen bestimmten Zeitpunkt oder eine regelmäßige Teilnahme festlegen zu müssen. Die Kinder entscheiden selbst, ob und wann sie kommen und gehen, und an welchem Angebot sie teilnehmen. Diese Struktur erweist sich als sinnvoll, da viele der Kinder Anforderungen hinsichtlich Verbindlichkeiten und Ausdauer nicht leisten können oder wollen.
Die Kinder werden durch die vielfältig gestaltete Raumstruktur und Materialausstattung zu selbständigem Tun und Spielen angeregt. Der große Raum des Kindertreffs umfaßt einen Mal-, Bastel- und Werkbereich. Daneben gibt es einen Spielbereich, der hauptsächlich für verschiedene Alterstufen und Interessen zur Verfügung steht.
Die offene Struktur des Kindertreffs erfordert eine hohe Flexibilität seitens der Pädagoginnen, die sich auf immer neue, sich ständig verändernde, nicht planbare Situationen und wechselnde Kinder einstellen müssen. Für die angemessene Betreuung der vielfältigen Aufgaben und Tätigkeiten, die während eines Kindertreff-Nachmittags von den Pädagoginnen zu leisten sind, ist eine Besetzung mit mindestens zwei Fachkräften notwendig. Für sinnvolle unterstützende Beziehungen zu den Kindern ist zudem eine Kontinuität in der personellen Besetzung im Kindertreff wesentlich. Die thematischen Angebote im Kindertreff erfordern eine angemessene Vorbereitung, um den inhaltlichen Ansprüchen und den Erwartungen und Wünschen der Kinder gerecht zu werden. Um dies zu gewährleisten, hat sich die Stiftung für Kinder seit 1997 bereit erklärt, das Fortbestehen einer zweiten Personalstelle zu ermöglichen, da anderenfalls aufgrund tatsächlicher oder vorgeschobener Geldknappheit der Stadt Köln der Fortbestand des Kinderbereiches gefährdet gewesen wäre. Es ist und bleibt ein politischer Skandal, daß in der vergleichsweise reichen Bundesrepublik Deutschland bzw. der Stadt Köln bei Ausgabenkürzungen wie selbstverständlich zuerst die Mittel für kinderrelevante Bereiche und entsprechende Einrichtungen gekürzt oder gänzlich gestrichen werden!

Kinderleben spielt sich für viele zunehmend in Ein-Eltern-Familien ab. Diese Situation ist häufig durch schwierige materielle Bedingungen geprägt, da Alleinerziehende neben der Kinderbetreuung die Grundversorgung übernehmen müssen. Etwa die Hälfte der Kinder, die mit ihrer Mutter allein leben, haben ihren Vater durch Trennung "verloren" und brauchen neben den stark belasteten Müttern - auch und gerade männliche - Anlaufstellen für ihre Sorgen und Wünsche. Natürlich ist auch die traditionelle Kleinfamilie häufig überlastet; es fehlen soziale Netzwerke und unterstützende Systeme, welche die vielfältigen Anforderungen mittragen, die Eltern gestellt werden.

Laut deutschem Recht sind Kinder aus Migrantenfamilien bei uns Kinder zweiter Klasse. Kinder aus Nicht-EU-Ländern unterliegen der Visumpflicht. Kinder der zweiten und dritten Generation sogenannter "Gastarbeiterfamilien", die hier geboren und aufgewachsen sind, haben keinen Anspruch auf die deutsche Staatsangehörigkeit und die damit verbundenen Rechte und Pflichten. Im Gegensatz dazu wird etwa in Großbritannien oder Frankreich den im Land geborenen Kindern automatisch die Einbürgerung angeboten. Kinder aus Migrantenfamilien machen - und das immer häufiger - Erfahrungen mit Vorurteilen, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, was die Ausprägung eines Selbstwertgefühls beeinträchtigt.
Ebenso häufig leben Kinder zerrissen zwischen den Kulturen des Herkunftslandes und der Bundesrepublik. Sie gehören weder zu der Welt der Eltern, die als Reaktion auf das Leben in der Fremde häufig besonders stark an ihren Traditionen festhalten, noch zu der Welt der deutschen KlassenkameradInnen. Dieser Balanceakt zwischen zwei Welten erschwert die Entwicklung einer stabilen Ich-Identität.

Das Zusammenwirken aller dieser Faktoren, die die Lebenssituation von Kindern negativ beeinflussen, braucht ein starkes Gegengewicht, um Kindern eine Chance auf die Entfaltung ihrer eigenen Fähigkeiten zu geben. Kinder brauchen Spiel-, Lern- und Erfahrungshorizonte, die sie ermutigen, sich - in welchen Formen auch immer - auszudrücken, Neues kennenzulernen und selbst schöpferisch tätig zu werden. Lebensräume für Kinder müssen in ihrer Qualität erhalten und vergrößert werden, um für die Entwicklung jener Sorge zu tragen, die morgen unsere Geschicke bestimmen.
Frau Birgit Breuer ist Pädagogin und leitet mit Frau Nazan Ercan zusammen den Kinderbereich in der Alten Feuerwache. Einen Bericht über ihre Tätigkeit im Kinderbereich lesen Sie in der Dokumentation "Qualität als Chance", herausgegeben von Gabriele Nordt u.a.

Qualität als Chance
Qualitätskriterien und Beispiele für die Arbeit mit Schulkindern
Hg. vom Sozialpädagogischen Institut NRW
VOTUM Verlag, Münster 2000
249 Seiten
ISBN 3-933158-51-6
VOTUM-Best.-Nr. 251